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Angelika di Bernardo
Lichtpunkt Healing Art
27801 Dötlingen
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angel@Lichtpunkt-Healing-Art.de

Das Wasser des Lebens

Von Angelika di Bernardo

Zu einer Zeit, als die Menschen noch wußten, dass das Leben voller Magie ist und sie die Zauberer, Feen und Zwerge noch kannten, herrschte ein gütiger König weise über sein Volk. Dies hatte zur Folge, dass überall im Lande alles blühte und gedieh. Man kannte keinen Hunger und keine Kriege. Und da alle hatten, was sie brauchten, waren auch die Gefängnisse stets leer.

Nun geschah es, dass die Königin ein Kind gebar. Der König ließ vor lauter Freude diesen Tag zum Volksfeiertag erklären, und das ganze Volk feierte mit ihm. Weil das Kind ein so wunderschönes kleines Mädchen war, wurde es auf den Namen Ranana getauft. Ranana wuchs heran zur Freude aller, die sie kannten. Sie liebte es, draußen auf der Wiese zu spielen und jedermann, der ihr begegnete, fühlte sich sanft berührt und erhoben, gerade so, als hätte ein Lichtstrahl sein Herz erreicht und in ihm eine Freude entzündet, die ihn nie wieder ganz verließ.

Als Ranana sieben Jahre alt war, erkrankte sie an einem heftigen Fieber. Alle Ärzte und Heilkundigen des Landes wurden aufgerufen, sie zu heilen. Alle kamen, doch keiner kannte ihre Krankheit und niemand konnte ihr helfen. So wurden Boten außer Landes geschickt, um jemanden zu finden, der fähig wäre, Ranana zu heilen.

Eines Tages endlich, brachte ein Bote einen Mann mit sehr fremdem Aussehen. Nach eingehender Untersuchung der Kranken sagte der Fremde: "Am Anfang der Welt, dort wo die Erdfee das Licht des Himmels empfängt, entspringen die Wasser des Lebens. Ein Tropfen dieses Wassers wird das Kind heilen. Doch nur wer das Kind reinen Herzens liebt, kann das Wasser des Lebens bekommen."

Da sprach die Königin zu ihrem Mann: "Lieber Mann, wer könnte geeigneter sein, diese Aufgabe zu übernehmen, als Du oder ich? Ein König aber muß bei seinem Volk bleiben, so will ich gehen und das Wasser des Lebens holen."

Noch in derselben Nacht ritt die Königin davon, nur begleitet von ihrem treuen Hund.

Nachdem sie drei Tage und drei Nächte geritten war, kam sie an einen See. Dies schien ihr ein guter Platz zum Rasten. Sie stieg ab von ihrem Pferd, rieb es mit trockenem Gras ab und führte es zum Wasser. Dann setzte sie sich unter eine Weide und teilte ihr Mahl mit ihrem Hund. Sie war erschöpft und müde, und sie war besorgt und voller Zweifel, ob sie auf dem rechten Weg war. Nirgends konnte sie Zeichen entdecken, die darauf hindeuteten, dass sie sich dem Anfang der Welt näherte. Schließlich fiel sie in Schlaf.

Als sie erwachte, stand der Mond tief über dem Wasser und vor ihr saß, schimmernd wie das Mondlicht, eine Gestalt. "Wer bist du?" fragte die Königin. "Du bist wunderschön."
"Ich bin die Mondfee", antwortete das Wesen, "und ich weiß, du suchst das Wasser des Lebens. So höre: "Wenn du den Wert nicht mißt und das Ziel beinah vergißt, wirst du alles bekommen."
Danach löste die Fee sich auf, wie ein Nebelschleier, der über das Wasser davonzieht.
Als die Königin am Morgen erwachte, schien ihr die Sonne ins Gesicht und mahnte sie weiterzuziehen. Sie fühlte, dass sie etwas Wichtiges geträumt hatte, aber sie konnte sich nicht erinnern.

Nachdem sie sechs Stunden geritten war, kam sie in eine Gegend, wo das Korn trocken und verdorrt auf den Feldern stand. Schließlich traf sie einen Mann, der niedergeschlagen, mit sorgenvollem Blick, eine Weizenähre betrachtete. Die Königin hielt ein in ihrem Ritt, grüßte den Mann und fragte ihn, welche Sorge ihn denn plage.

Da seufzte der Mann und antwortete: "Mein ganzes Korn verdorrt und bringt keine Samen, so dass wir werden hungern müssen."

Die Königin fragte: "Gibt es nichts, was Du tun kannst, um dein Getreide zu retten?"

"Nichts", antwortete der Mann, "außer, ich bekäme einen Tropfen vom Wasser des Lebens. Wenn ich den in das Wasser täte und damit meine Felder bewässern könnte, dann würde mein Getreide gerettet."

Da sprach die Königin: "Fasse wieder Mut, guter Mann, ich bin auf dem Weg zum Anfang der Welt. Dort, wo die Erdfee das Licht des Himmels empfängt, will ich das Wasser des Lebens holen. Wenn ich es gefunden habe, sollst du einen Tropfen bekommen." Damit verabschiedete sich die Königin und ritt weiter.

Nach weiteren sechs Stunden kam sie in eine Gegend, wo die Kühe auf der Weide standen, doch ihre Kälber waren mager und schwach. Schließlich traf sie einen Mann, der weinend auf einer Weide saß und ein totes Kalb in den Armen hielt. Die Königin hielt ein in ihrem Ritt und fragte: "Guter Mann, sage mir, welches Leid ist dir widerfahren?"

Da antwortete der Mann: "Meine Kühe haben keine Milch und ihre Kälber hungern. Dieses ist schon gestorben. Wenn nicht ein Wunder geschieht, so werden alle sterben."
Da fragte die Königin: "Welcher Art müsste denn das Wunder sein, um deine Kälber zu retten?"
Der Bauer antwortete: "Wenn ich einen Tropfen vom Wasser des Lebens in das Trinkwasser meiner Kühe geben könnte, dann würden sich ihre Euter wieder mit Milch füllen, und ihre Kälber wären gerettet."

Da sprach die Königin: "Lieber Mann, fasse wieder Mut. Ich bin auf dem Weg zum Anfang der Welt. Dort, wo die Erdfee das Licht des Himmels empfängt, will ich das Wasser des Lebens holen. Wenn ich es gefunden habe, sollst du einen Tropfen bekommen." Damit verabschiedete sich die Königin und ritt weiter.

Als sie weitere sechs Stunden geritten war, kam sie zu einem Haus. Vor dem Haus, auf einer Bank, saß eine Frau mit einem Kind im Arm und weinte bitterlich. Da hielt die Königin ein in ihrem Ritt und fragte: "Gute Frau, sage mir, kann ich etwas für dich tun, um deinen Schmerz zu lindern?"
Da antwortete die Frau: "Mein Kind ist sterbenskrank, und kein Arzt kann ihm helfen, doch hättest du einen Tropfen vom Wasser des Lebens, so würde mein Kind genesen."

Da weinte die Königin, denn sie empfand denselben Schmerz. Und sie sprach zu der Frau: "Liebe, gute Frau, fasse wieder Mut. Ich bin auf dem Weg zum Anfang der Welt. Dort, wo die Erdfee das Licht des Himmels empfängt, will ich das Wasser des Lebens holen. Wenn ich es gefunden habe, sollst du deinen Tropfen bekommen." Damit verabschiedete sich die Königin und ritt weiter.

Als sie weitere drei Tage und drei Nächte geritten war, sah sie in der Ferne ein gleißendes Licht. Als sie näher herankam, erkannte sie in den schimmernden Fluten des Lichtes eine Gestalt. Vom Himmel her fiel ein breiter Strahl direkt auf sie. Er umhüllte ihren ganzen Körper in ständig fließender Bewegung. Durch ihren Kopf drang das Licht in sie ein, durchströmte ihre Gestalt und ließ sie, von innen heraus, selbst erstrahlen im Licht. Aus ihrem Herzen und aus ihren Handflächen strömte das Licht in ständig pulsierender Bewegung und dort, wo es die Erde berührte, entsprangen die Wasser des Lebens, und rings herum erblühten die schönsten Blumen aus dem Fels. Da, wo die Erdfee mit ihren Füßen auf dem Felsen stand, schien er, durchdrungen vom Licht, zum Leben zu erwachen.
Die Königin war überwältigt von der Größe und Schönheit dieses Anblicks. Sie stieg ab von ihrem Pferd und näherte sich langsam und ehrfürchtig der Fee und dem Ursprung der Wasser des Lebens. Die Fee schwieg in stillem Verzücken, hingegeben und entrückt in das Fließen des Lichts. Als die Königin schließlich niederkniete, um ihr Fläschchen in das perlende Wasser des Lebens zu tauchen, hörte sie es flüstern wie von tausend Stimmen:


Wenn dein Herz schlägt in Liebe,
frei von Geiz und unverzagt,
darf ich drei Tropfen dir geben,
doch nur einmal im Leben.


Und drei Tropfen des Wassers des Lebens sprangen klingend in ihr Fläschchen. Da schloß die Königin ihr Fläschchen, dankte der schweigend lächelnden Fee und machte sich eilig auf den Heimweg. Ihr Herz jubelte vor Freude, denn nun würde ihr Kind geheilt werden.

Nach drei Tagen und drei Nächten kam sie wieder zu dem Haus, wo die Mutter mit ihrem todkranken Kind lebte. Die Königin gab ihr, mit einem Herzen voll Freude und ohne zu zögern, einen Tropfen von dem kostbaren Wasser des Lebens. Dann zog sie weiter, denn sie hatte es sehr eilig, nach Hause zu kommen.
Nach sechs Stunden kam sie zu der Weide, wo der Bauer mit seinem toten Kälbchen saß. Voller Freude gab sie ihm, ohne zu zögern einen Tropfen ihres kostbaren Wassers. Danach ritt sie eilig weiter.

Nach sechs Stunden kam sie zu dem Mann, dessen Felder alle vertrocknet waren und dessen Korn keine Samen trug. Auch ihm gab sie, ohne zu zögern und voller Freude, ihren letzten Tropfen des kostbaren Wassers des Lebens.

Dann ritt sie eilig weiter, denn sie wollte so schnell wie möglich nach Hause kommen. In ihren Gedanken sah sie schon voraus, wie sie Ranana in ihrem Arm hielt und ihr einen Tropfen vom Wasser des Lebens einflößte. Sie stellte sich vor, wie das Fieber von ihr wich und sie wieder fröhlich auf den Wiesen spielen könnte. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, daß sie das ganze Wasser des Lebens fortgegeben hatte und nun mit leerem Fläschchen heimwärts ritt.

Als sie endlich zu Hause ankam, eilte sie in das Zimmer ihrer Tochter, wo ihr Mann schon auf sie wartete. Immer noch kam ihr nicht in den Sinn, daß sie ihren letzten Tropfen vom Wasser des Lebens fortgegeben hatte, und öffnete das Fläschchen, um Ranana einen Tropfen zu geben.

In diesem Augenblick blitzte ein Lichtstrahl durch das Fenster und berührte das Fläschchen. Und siehe da, auf einmal war es bis oben hin gefüllt mit flüssigem, goldenem Licht. Da öffnete Ranana zum ersten Mal nach vielen Wochen ihre Augen und streckte ihre kleine fiebrige Hand nach dem Fläschchen aus. Die Königin ließ einen Tropfen des goldenen Wassers in ihre Handfläche tropfen. Und alle, die im Raum anwesend waren, erzählten später, dass schon in diesem Augenblick die Farbe langsam in Rananas Wangen zurückkehrte. Sie aber führte ihre Hand zum Mund und leckte den goldenen Tropfen auf. Ranana wurde wieder ganz gesund, und schon bald erklang ihr Lachen im Schloß.

Das Fläschchen, mit dem Wasser des Lebens, blieb immer voll, solange das Königreich bestand. Viele Kranke kamen von überall her und fanden Heilung.
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