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Angelika di Bernardo
Lichtpunkt Healing Art
27801 Dötlingen
Tel.: 04433 - 968939
angel@Lichtpunkt-Healing-Art.de

Die Himmelsleiter

Von Angelika Myriel di Bernardo

In einem kleinen Ort, im Norden unseres Landes, lebte einst ein blindes Mädchen. Es wohnte mit seiner Mutter in einer drei Zimmer Wohnung. Meist war es allein, denn seine Mutter mußte tagsüber arbeiten gehen, um für ihren Unterhalt zu sorgen. Auch mied es die anderen Jungen und Mädchen. Aber da dort, wo es wohnte, viele Menschen lebten, konnte es sie oft reden und lachen hören. Es war etwa 15 Jahre alt und sehr hübsch, aber da niemand es ihm sagte und es sein Spiegelbild nicht kannte, wußte es dies nicht.

Manchmal saß es auf dem Balkon und lauschte dem Gesang der Vögel und dem Summen und Zirpen der Insekten. Es liebte die Wärme der Sonnenstrahlen in seinem Gesicht ebenso, wie die kühle Stille des Mondes. Nein, es konnte mit seinen Augen nicht sehen, aber in seinem Inneren hatte es seine eigenen Bilder, und seine Empfindungen waren fein und präzise.

Eines Tages hörte es rein zufällig, wie ein paar Jungen und Mädchen vor dem Haus miteinander sprachen. Ein Mädchen erzählte, es sei ein Mann in den Ort gekommen, auf einem Fahrrad, mit Schlafsack und Tasse und Topf im Gepäck. Er sähe aus, als sei er schon lange unterwegs und käme von weit her. Dieser Mann habe verkündet, er wolle drei Abende lang eine Geschichte erzählen und jeder, der sie hören wolle, sei herzlich eingeladen.

Wo man ihn denn finden könnte, wurde gefragt. Auf dem alten Gräberfeld, in der Heide, kam die Antwort. Ein oder zwei Mädchen waren neugierig und schlugen vor, dorthin zu gehen. Die anderen aber lachten und meinten, das wäre was für Babys.

Janara aber, so hieß unsere kleine Freundin, liebte Geschichten über alles. Als sie noch klein war, konnte sie nicht genug davon bekommen und jetzt, dachte sie sich oft selbst welche aus. Sie wußte genau, wo das Gräberfeld war. Es war gar nicht so weit von ihrer Wohnung entfernt. Ihre Mutter war manches Mal mit ihr dorthin gegangen.

Gewiß würde sie den Fremden suchen und seine Geschichte hören!

Eilig traf sie ein Paar Vorbereitungen. Sie packte etwas Brot und Wein, Obst, Käse und Schokolade in eine Tasche. Das wollte sie dem Fremden mitbringen. Wenn er schon lange unterwegs war und vom Geschichten erzählen lebte, dann konnte es schon sein, dass er Hunger hatte.

Als die Sonne sich sanft gen Westen neigte, konnte Janara nicht länger warten. Sie, die selten aus dem Haus ging, hielt es einfach nicht mehr aus. Jemand, der sie nicht kannte und es nicht wußte, hätte nicht auf den ersten Blick erkennen können, dass sie blind war, so frei und sicher waren ihre Schritte. Der Junge aber, der sie an diesem Abend aus dem Haus gehen sah, wußte um ihre Krankheit. Die Jungen und Mädchen hatten es einander erzählt und da sie wenig über sie wußten, waren ihre Geschichten über sie um so farbiger.

Jarus gab nicht viel auf dieses Gerede. Schon als er Janara das erste Mal gesehen hatte, war er von ihrer stillen Schönheit und Einsamkeit berührt gewesen. Gerne hätte er sie kennengelernt, mit ihr ein paar Worte gewechselt. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er das hätte anstellen sollen. Er war nämlich nicht gerade ein Draufgänger, sondern vorsichtig und zurückhaltend.

Als er sie so ganz allein fortgehen sah, wunderte er sich sehr und beschloß, ihr sicherheitshalber zu folgen. Nun, ein wenig war er schon neugierig, wo sie jetzt noch hingehen wollte, aber wichtiger war ihm, sie zu schützen. Schließlich ging sie geradewegs auf den Wald zu und es wurde schon Abend.

Als Janara den Wald durchquert hatte und sich dem Gräberfeld näherte, sah Jarus den fremden Geschichtenerzähler auf dem höchsten Hügel sitzen, mit dem Rücken an einen Birkenstamm gelehnt. Sein Rad lehnte an dem Baum. Janara blieb stehen und lauschte. Da sie den Fremden nicht sehen konnte, hoffte sie etwas zu hören, was ihr die Richtung wies. Doch Stille lag über dem Gräberfeld, nur vereinzelt erklang das Abendlied eines Vogels.

Auch der Fremde saß schweigend und regungslos. Doch seine Augen hatten Janara erblickt und ruhten auf ihr. Jarus wollte lieber nicht gesehen werden und hielt sich abseits im Gebüsch versteckt und beobachtete das Geschehen.

Das blinde Mädchen tastete sich behutsam vorwärts, den Kopf leicht geneigt, als lausche es. Mit zögerndem Schritt näherte es sich dem fremden Mann, gerade so, als wiesen seine Augen ihm den Weg. Als es bis auf ein paar Meter herangekommen war, fühlte es die Gegenwart eines ihm unbekannten Wesens. Es blieb stehen und spürte in sich nach, welcher Art seine Empfindungen waren.

Der Junge, der den Fremden betrachten konnte, hatte nicht gerade Vertrauen zu ihm. Seine Kleidung sah aus, als hätte sie dringend eine Wäsche nötig, obwohl zweifelhaft war, ob sie diese überhaupt überstehen würde. Das Haar des Fremden war lang und grau und hinten am Kopf zu einem Zopf geflochten. Kein Mensch trug heutzutage seine Haare so! Auch sein Fahrrad war alt und klapprig.

Jarus hatte nicht den Eindruck, daß der Fremde viel davon hielt, sein Leben so zu gestalten, wie alle es taten. Alle Leute, die er kannte, waren sauber und gut gekleidet, fuhren ein Auto, oder wenigstens schicke Räder mit mehreren Gängen, gingen acht Stunden am Tag arbeiten und fuhren einmal im Jahr in fremde Länder, um Urlaub zu machen.

Dieser hier sah so aus, als wäre ihm nicht einmal sicher, jeden Tag ein Essen zu bekommen. Janaras Augen konnten ihre Wahrnehmung nicht trüben. Sie spürte die Energie eines Wesens, die sich irgendwie leicht und golden anfühlte. Da sprach der fremde Mann: " Schön, dass du gekommen bist. Ich habe auf dich gewartet. Komm, setze dich zu mir."

Er breitete seinen Schlafsack für Janara aus, half ihr auf den Hügel und ließ sie darauf niedersitzen. Dann packte Janara das Brot und den Wein, das Obst, den Käse und die Schokolade aus, um es dem Fremden zu geben.

Der Geschichtenerzähler schenkte zwei Becher voll mit Wein und reichte dem Mädchen einen mit den Worten: "Von nun an sollst du mich bei meinem Namen nennen, Janara, mein Name ist Dor!" Sie stießen ihre Becher aneinander und jeder trank einen Schluck. Janara war so erfüllt von ihren Empfindungen des Glücks und der Freude, dass sie ganz vergaß sich zu wundern, woher der Fremde ihren Namen kannte.

Danach lehnte Dor sich zurück und begann zu erzählen.

Im Himmel, weit über den Wolken, lebte Ramoan in einem Schloß aus Licht. Auch sein Körper war fließendes Licht, aber er konnte, wenn er es wollte, jede Gestalt annehmen. Es kostete ihn nur ein wenig Mühe, mit Hilfe seines Willens, seine Schwingung des Lichtes soweit zu verdichten, dass sie die gewünschte Form annahm. Er liebte es besonders, in die Gestalt eines jungen Mannes zu schlüpfen und er schuf sich aus lauter Freude ein glänzendes, goldenes Schwert.

Im Inneren seines Palastes gab es einen besonderen Raum. Dieser Raum hatte zwölf Ecken und die Decke streckte sich in die Höhe. Der Boden war aus weißem Marmor und die Wände bestanden aus perlmuttfarbenem Licht. In der Mitte stand ein glasklarer, hellblauer Aquamarinsockel, auf dem eine große Kristallkugel ruhte. Genau über der Kugel war eine runde Öffnung in der Decke, durch die in dickem Strahl das Licht auf die Kugel fiel. Ramoan ließ das Licht in den verschiedensten Farben leuchten, je nachdem wie ihm gerade zumute war und immer erstrahlte der Raum in den gewünschten Farben.

Wenn Ramoan in die Kristallkugel blickte, dann konnte er auf die Erde schauen. Sie war sein Fenster zur Erde. Aber, er hatte keine Macht über die Bilder, die der Kristall ihm zeigte. Weder konnte er bestimmen was er sah, noch konnte er es beeinflussen.

Eines Tages sah Ramoan in seinem Kristall das Gesicht einer jungen Frau. Sie gefiel ihm so gut, daß er in Liebe zu ihr entflammte. Weil sein Herz so erfüllt war von ihr, hatte dies zur Folge, daß der Kristall immer öfter Bilder ihres Lebens zeigte. Er lernte ihren Namen kennen und ihre Freuden und Leiden. Ihr Name war Ramona.

Ramoan, beseelt durch seine Liebe zu ihr, war besessen von dem Wunsch ihr zu helfen und sie in ihrem Leben zu unterstützen. Das war nun gar nicht so einfach, denn wie sollte er das tun, konnte er doch nur stiller Betrachter sein? Wie oft kam es nun vor, dass es ihm fast das Herz zerriß, wenn er mit ansehen mußte, wie Ramona sich plagte. Wenn sie die falsche Entscheidung traf und unter ihren Folgen litt. Oder schlimmer noch, wenn sie sich wochen - oder monatelang quälte, weil sie sich zu keiner Entscheidung durchringen konnte. Oder, wenn sie aus lauter Angst vor den Folgen, Dinge zu tun unterließ, die ihr Leben mit Wohlsein erfüllt hätten.

Darüber wurde Ramoan ganz traurig und sein Licht verblaßte immer mehr. Dies konnte in der Welt des Lichtes nicht verborgen bleiben und so geschah es, dass ein älteres Lichtwesen Ramoan besuchte und ihn den Tanz des Schwertes lehrte.

Wenn Ramoan nun sein Schwert aus der Scheide zog, dann fühlte Ramona Mut und Entschlossenheit in sich keimen. Wenn er damit hart die Luft zerschnitt, spürte sie die Kraft zu einem trennenden "Nein!" Wenn er das Schwert vor sich in den Boden rammte, hielt Ramona inne, gewarnt vor drohender Gefahr. Hielt er sein Schwert aufrecht und still, so fühlte sie sich sicher in ihrem Tun.

So wurde mit dem Tanz des Schwertes ein Band gewoben zwischen Ramoan und Ramona. Ermutigt und ergriffen von einer neuen Hoffnung, fragte Ramoan das ältere Licht beim Abschied: "Kann ich noch weitergehen? Kann es geschehen, daß Ramona und ich uns jemals wirklich begegnen?" Da lächelte das alte Lichtwesen und sagte: "Ein Anfang ist gemacht, der Rest liegt an ihr.
Je mehr Ramona den Impulsen deines Schwertes folgt, desto fester wird euer Band. Wenn die Liebe die Sehnsucht in ihrem Herzen entfacht, dann findet sie den Weg zu dir."

Mehr und mehr lernte Ramona ihren inneren Impulsen zu vertrauen und Ramoan wurde es nicht müde für sie zu tanzen. So konnte das Band zwischen ihnen wachsen und stärker werden, so stark, dass es für Ramoan eines Nachts möglich war, ihr in ihrem Traum zu begegnen.

Es war ein Traum, den Ramona nie wieder vergessen sollte und der in ihr eine Sehnsucht entfachte, die neue Wege für sie erfand.
In diesem Traum tanzte sie mit ihrem Geliebten zwischen den Welten. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber während sie sich mit ihm im Tanze drehte, verschmolz sie mit ihm, wurde eins mit ihm, in süßer, beglückender Liebe.

Von da an, war sie nie wieder dieselbe. Die Sehnsucht hatte von ihr Besitz ergriffen, obwohl sie nicht hätte sagen können, wem oder was ihre Sehnsucht galt. Alle Freuden ihres Lebens schienen blaß und schal, gemessen an dem Licht der inneren Verheißung. Ja, manchmal schien es ihr, als sei da etwas das sie erwarte, etwas, wonach sie nur die Hand auszustrecken brauchte. Doch es entglitt ihr, sie konnte es nicht ergreifen. Es war so vage, nur ein Gefühl und so manches Mal lag sie des Nachts wach im Bett, fühlend und lauschend, hoffend, dass der Schlaf käme und ihr den Traum zurückbrächte. Doch der Schlaf brachte eines Nachts einen anderen Traum.

Sie saß am Küchentisch und schnitt eine Gurke klein. Da zwang sie ein innerer Impuls, eine Scheibe davon genau anzuschauen. Sie hielt sie gegen das Licht und betrachtete das Muster der Anordnung der Kerne. Es sah aus, als säßen die Kerne in einer dreiblättrigen Blüte, die aus drei fleischlichen Dreiecken bestand, in denen die Kerne ruhten. Sie waren durch Fasern miteinander verbunden, die ein I und ein X ergaben. Nämlich so:

Dor zog eine senkrechte Linie in den Sand, die von einem X gekreuzt wurde.

Während Ramona staunend dieses kleine Kunstwerk der Natur betrachtete, fühlte sie sich auf einmal von dem Mittelpunkt des IX angezogen. Es war ein Sog, der davon ausging und sie mitten hineinzog.

Plötzlich befand sie sich in dem runden Innenraum eines Tempels. Alles war in mildes, helles, grünes Licht getaucht. Eine Kuppel umschloß den Raum. Ramona öffnete ihr Herz der Stille und dem tiefen Frieden dieses Ortes. Da wurde sie die Gegenwart eines Wesens gewahr. Es war nicht Mann und auch nicht Frau und es schien kein Alter zu haben.
Da sprach das Wesen zu Ramona, mit einer Stimme, die in ihr selbst erklang: "Ich grüße dich, Ramona. Die Zeit ist gekommen, dass ich dich etwas lehren kann. Willst du den Liebsten erkennen, musst in den Schutzkreis dich stellen und zeichne das IX, damit schön rein du bist."

Mit diesen Worten drehte das Wesen sich langsam um seine rechte Seite, Zeige - und Mittelfinger der rechten Hand deuteten auf den Boden, der Daumen ruhte auf den Nägeln des nach innen abgewinkelten Ringfingers und kleinen Fingers. Während das Feengeschöpf sich dreimal um sich selbst drehte, schoß ein Strahl goldenen Lichtes aus Zeige - und Mittelfinger und zeichnete einen goldenen Lichtkreis um das Wesen. Dann zeichnete es mit dem Strahl der beiden Finger das I von der Stirn zum Schritt und das X von der rechten Schulter zur linken Hüfte und von der linken Schulter zur rechten Hüfte. Danach sprach das Wesen Worte der Erklärung, die Ramona aber gleich wieder vergaß.

Am nächsten Morgen erinnerte sich Ramona ihres Traumes und eigentlich nur zum Spaß, tat sie es dem Wesen nach, wie sie es im Traum gesehen hatte. Doch schon als sie den Kreis zeichnete, spürte sie eine Kraft um sich herum aufsteigen und nachdem sie das IX gezogen hatte, fühlte sie sich wie von einer Last befreit.

Hiermit beendete Dor seine Erzählung. Der Mond stand tief am Himmel und schickte sein milchiges Licht über die Hügelgräber. "Es ist genug für heute," sagte er. "Morgen erzähle ich die Geschichte weiter."

Jarus, der sich im Schatten der Dunkelheit näher herangewagt hatte, war der Geschichte mit Spannung gefolgt.

Janara verabschiedete sich von Dor und versprach, am nächsten Abend wieder zu kommen. Sie wollte gerne hören wie die Geschichte weiterging.

Nachdem Janara ein Stück gegangen war, sah Dor, wie sich ein Schatten aus den Büschen löste und ihr folgte. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Janara, mit der Empfindsamkeit der Blinden, fühlte Jarus Nähe hinter sich, aber sie spürte keine Bedrohung von ihm ausgehen und sie empfand keine Furcht. Da ihre Augen nicht sehen konnten, kannte sie die Signale ihres Körpers um so besser. So wusste sie untrüglich, wenn sich ihr von hinten eine Gefahr näherte, spürte sie ein Kribbeln im Rücken, das sich in ihrem Nacken so sehr verdichtete, als würden ihr dort die Haare abstehen. Doch auf ihrem Heimweg durch den Wald war ihr Rücken frei, keinerlei Kribbeln war zu fühlen, nur die Gegenwart eines anderen Menschen, der ihr mit Abstand folgte. Sie wunderte sich ein wenig, denn niemand, außer ihr, war bei Dor gewesen.

Zu Hause angekommen, blieb sie einen Augenblick an der Haustüre stehen, lauschte und spürte nach ihrem Verfolger. Auch Jarus war stehen geblieben und wartete, dass Janara ins Haus ging. Rechts von ihr, ein Stück entfernt, fühlte sie seinen Blick, dann betrat sie das Haus.

Janara schlief unruhig in dieser Nacht. Traumbilder, gespeist aus der Geschichte, die sie gehört hatte, mischten sich zu immer neuen Geschichten. Flüchtig wie Nebelschleier huschten sie durch ihren Schlaf. Aber leuchtend in goldenem Licht, sah sie immer wieder das IX vor ihrem inneren Auge.

Als sie morgens erwachte, leuchtete das IX hell in ihrer Erinnerung. So kam es, dass sie, wie Ramona es getan hatte, nur so zum Spaß, den Schutzkreis zeichnete. Sie fühlte eine Kraft rings um sich aufsteigen, wie eine Säule aus goldenem Licht. Nachdem sie sich dreimal um sich selbst gedreht hatte, zeichnete sie das I von der Stirn zum Schritt und das X von der rechten Schulter zur linken Hüfte und von der linken Schulter zur rechten Hüfte. Da sah sie vor ihren Augen einen Schimmer aus Licht, der den ganzen Tag nicht von ihr wich und ihr Kleid durchzog einzelne goldene Fäden.

Gegen Abend packte Janara wieder etwas Wein und ein paar Lebensmittel in ihren Umhängebeutel und verließ das Haus. Jarus, der schon auf sie wartete, folgte ihr auch dieses Mal auf ihrem Weg zum Gräberfeld. Auch er war neugierig, wie die Geschichte weiterging.

Als sie das Gräberfeld erreicht hatten, sah Jarus den Geschichtenerzähler, wie am Abend zuvor, auf dem höchsten Hügel sitzen. Im Glanz der Abendsonne schimmerten Haar und Haut in sanften Goldtönen und auch seine Kleider kamen Jarus längst nicht mehr so schmuddelig vor. Überhaupt schien Dor ihm heute viel freundlicher, als am Abend zuvor. Seine Augen hatten geradezu ein warmes, gütiges Strahlen.

Als der Geschichtenerzähler Janara auf den Hügel half, huschte Jarus schnell hinter den Busch, wo er schon am Abend zuvor gehockt hatte. Nachdem Dor für Janara und sich selbst einen Becher Wein eingeschenkt und mit ihr angestoßen hatte, fuhr er fort in seiner Geschichte.

Von nun an zeichnete Ramona jeden Tag einmal einen Schutzkreis und reinigte ihr Gemüt mit dem Zeichen des IX. Jedes Mal wenn sie den Kreis zeichnete, wuchs eine goldene Lichtsäule rings um sie herum. Und jedesmal Mal wuchs sie ein Stückchen höher. Das ging viele Wochen so. Ramona fühlte sich von Tag zu Tag besser und sicherer, ruhiger und freier. Und die Säule aus Licht wurde höher und höher.
Als sie schon fast die Wolken erreicht hatte, träumte sie des Nachts von einem wunderschönen, großen Kristall. Der Kristall strahlte in stillem, weißem Licht und auf sanfte, liebevolle Weise fühlte sie sich von ihm angezogen.

Plötzlich fand sie sich in einem großen Höhlengewölbe wieder. Aus unbekannter Quelle erklangen einzelne Töne, die verschiedenste Farben und Muster erzeugten. Ein alter Mann, weiß gekleidet, mit langem, weißem Haar und Bart, verneigte sich grüßend vor ihr und hieß sie willkommen. Staunend und fasziniert von dieser Welt, bat Ramona den Alten ihr mehr zu zeigen. In seiner Begleitung und Nähe, fühlte sie sich sicher und geborgen. Da sah Ramona einen hellen, klaren Ton das Höhlengewölbe durchdringen und wie einen Laserstrahl direkt die Sonne anstrahlen.

"Merke auf und gib fein acht, was dieser Strahl für dich erdacht," flüstere der Alte ihr zu. Ramona sah, wie die Sonne sich öffnete und einen Raum freigab, dessen Boden aus weißem Marmor war. Die Wände hatten zwölf Ecken und leuchteten in perlmuttfarbenem Licht. Die Decke streckte sich in die Höhe und hatte in der Mitte eine Öffnung. Durch diese fiel ein breiter Lichtstrahl direkt auf eine große Kristallkugel, die auf einem glasklaren, hellblauen Aquamarinsockel ruhte. Plötzlich erschien in dem Kristall das Gesicht eines jungen Mannes und seine Augen trafen sie mitten ins Herz. Oh, sie kannte ihn, sie kannte ihn schon immer, obwohl sie zum ersten Mal sein Gesicht sah. Dann erklang ein tiefer Ton, der die Sonne wieder verschloß. Diesem folgte ein noch tieferer Ton, der eine Türe in dem Gewölbe öffnete. Der Alte zeigte lächelnd dorthin und Ramona folgte seiner Aufforderung.

Die Tür gab eine Treppe frei, die sich einen Weg tief hinunter in den Fels bahnte. Sie stieg die Treppe hinab. Am Fuße der Treppe war ein See aus flüssigem Gold. Er erhellte mit seinem goldenem Licht die Dunkelheit der Höhle. Neugierig und ohne Angst ließ sich Ramona in den See gleiten. Zu ihrer Überraschung hatte er keine Substanz. Alles was sie fühlte war die Ausdehnung ihres Selbst.

Mit dem Gefühl, des sich immer weiter Ausdehnens erwachte Ramona aus ihrem Schlaf. In ihrem Herzen war die Erinnerung an das Gesicht des jungen Mannes, das sie im Traum gesehen hatte. Während sie wach lag und nachspürte, was der Traum ihr noch gezeigt hatte, kam auch die Erinnerung an den Raum zurück, den sie in der Sonne gesehen hatte. Sie wußte, dass dort ihre Heimat war. In ihrem Inneren weitete sich das Gefühl des Glücks zusammen mit dem Schmerz der Sehnsucht.
Wie sollte sie dorthin gelangen, wie ihren Liebsten finden?

Hiermit schloß Dor für diesen Abend seine Erzählung. Janara dankte ihm und ging nach Hause. Wieder beobachtete Dor zufrieden, wie Jarus ihr folgte und auch das Mädchen spürte seine Gegenwart. Sie hatte ihn schon bemerkt, als sie von zu Hause fortgegangen war und wußte nun, dass auch er der Geschichte gelauscht hatte. Sie mochte sein schüchternes Wesen schon jetzt, ohne ihn zu kennen.

In dieser Nacht schlief sie tief und wie ihr schien traumlos. Am nächsten Morgen aber, zog sie wieder ihren Schutzkreis und zeichnete das IX. Da sah sie vor ihren Augen das Licht noch heller werden, mit sanften, dunkleren Schatten und in ihrem Kleid zeigten sich noch mehr goldene Fäden.
Als sie gegen Abend das Haus verließ, schien es Jarus, als umgebe sie eine zarte, goldene Hülle.
Auch an diesem Abend versteckte er sich hinter dem Busch, während Dor und Ramona ihren Wein zusammen tranken. Schließlich fuhr der Erzähler fort in seiner Geschichte.

Eines Tages, als Ramona wieder ihren Schutzkreis zog, sah sie plötzlich eine Treppe in der Lichtsäule aufsteigen. Sie schaute daran empor und konnte doch kein Ende sehen. Vorsichtig erklomm sie die erste Stufe. Wohin würde die Treppe führen? Je höher sie stieg, desto banger wurde sie. Schon schien ihr der sichere Boden in schwindelnder Ferne. Sie schaute hinunter und sogleich war die Treppe verschwunden. Sie stand wieder auf sicherem Grund. Da wurde sie von grenzenloser Traurigkeit erfaßt, ohne Recht zu wissen warum. Aber in ihr war das Gefühl eines großen Verlustes. Und obwohl sie sich gefürchtet hatte, sehnte sie sich jetzt die Treppe wieder herbei.

Doch drei Wochen vergingen, ehe die Treppe sich wieder zeigte. Freudig erklomm sie die erste Stufe. Sie stieg höher und höher. Sie widerstand dem Zwang, nach unten zu schauen und heftete ihren Blick immer gerade aus, Stufe um Stufe. Und immer noch nahm es kein Ende. Sollte sie denn niemals ankommen? Wann endlich nahm es ein Ende?

Da schaute sie hinauf, wie weit es denn wohl noch sei, ob es nicht endlich ein Ende fände.
Wieder verschwand die Treppe und sie fand sich in ihrem Zimmer wieder. Dieses Mal war das Gefühl des Verlustes noch tiefer. War sie nicht ihrem Ziel schon ganz nah gewesen? Warum, warum nur hatte sie gezweifelt?

Sechs Wochen verstrichen, bis die Treppe wieder erschien.
Ramona sammelte Kraft in sich, bevor sie die erste Stufe erklomm. Diesmal würde sie nicht nach unten schauen und auch nicht nach oben. So kletterte sie Stufe für Stufe, Stufe für Stufe, Stufe für Stufe, für Stufe, für Stufe. Ohne Gefühl für Zeit und Raum, verlor sie sich selbst im Klettern. Nichts gab es mehr, nicht in ihr, nicht um sie herum, als diese eine nächste Stufe. In diesem Klettern im Nichts, im luftleeren Raum, formte sich in ihrem Inneren ein Zimmer. Der Boden aus weißem Marmor, die Wände aus perlmuttfarbenem Licht, die Decke in die Höhe gestreckt. In der Mitte des Raumes formte sich ein glasklarer, hellblauer Aquamarin, auf dem eine große Kristallkugel ruhte. Ein breiter Strahl goldenen Lichtes fiel durch eine Öffnung direkt auf den Kristall.

Plötzlich streckten sich ihr Hände entgegen und ein Lächeln und ein Blick und mit einem letzten Schritt, stand sie mitten im Licht. Arme umfingen sie, hüllten sie ein, Liebe, gespeist aus zwei Augen, durchströmte sie. Sie fühlte ein Strömen und Fließen, Wogen des Glücks und der Liebe.
So hielten sich Ramoan und Ramona, wurden eins in ihren Empfindungen. Es gab keine Trennung, kein Du und kein Ich, nur ein zeitloses Wir im unendlichen Licht.

Auch dies konnte in der Welt des Lichtes nicht verborgen bleiben. Alle, alle kamen, aus den Äonen der Ewigkeit, Ramona zu begrüßen und ihre Hochzeit zu feiern. Niemand auf Erden kann die Herrlichkeit dieses Festes beschreiben, dazu haben wir einfach nicht genug Worte. Aber, wenn wir ganz offen sind, dann können wir zu bestimmten Zeiten etwas von dem Glanz erhaschen. Und manchmal dringt etwas von der Freude bis zu uns durch und mit ganz viel Glück und Stille können wir sogar ein paar sphärische Klänge hören.

Nach diesen Worten verstummte der Geschichtenerzähler und Stille breitete sich aus, gerade so, als lausche die Welt. Niemand sprach. Erst nach einer ganzen Weile durchbrach der Schrei eines Käuzchens die Stille.

Janara dankte dem Geschichtenerzähler und verabschiedete sich schweren Herzens. Wenn es nach ihr ginge, käme sie noch viele Abende hierher, um noch viele Geschichten zu hören.
Bevor Janara den Wald betrat, blieb sie stehen. Langsam drehte sie sich um und streckte ihre Hand aus. "Ich kenne deinen Namen nicht," sagte sie, "aber ich weiß, dass du da bist. Möchtest du mich nicht begleiten? Bitte!" Da nahm Jarus seinen ganzen Mut zusammen und mit klopfendem Herzen ergriff er ihre Hand.

"Jarus," antwortete er, "Jarus ist mein Name."

Hier endet diese Geschichte, aber die Geschichte von Jarus und Janara fängt jetzt an. Doch diese muß ein anderes Mal erzählt werden. Wie Janara Tag für Tag mehr ihre Blindheit verlor und eines Tages richtig sehen konnte. Wie Jarus ihr Schwimmen beibrachte und Radfahren. Wie sie heirateten und ihre Kinder lehrten den Schutzkreis zu ziehen. Wie mit der Zeit und mit den Jahren immer mehr Menschen es lernten und eine neue Zeit auf Erden anbrach. Ein Anfang war gemacht.
© Copyright by Angelika Myriel di Bernardo