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Angelika di Bernardo
Lichtpunkt Healing Art
27801 Dötlingen
Tel.: 04433 - 968939
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Der kleine Fisch

Von Angelika Myriel di Bernardo

Schon seit langer, langer Zeit bahnte sich der große Strom seinen Weg durch das Land. Viele Generationen sah er kommen und gehen, viele Orte wachsen und manche auch wieder vergehen.
Viele Male war er über die Ufer geklettert und hatte das Land überschwemmt und genährt mit seinem Schlamm. Wiesen und Wälder hatten sich angesiedelt an seinen Ufern, Seen und Wasserarme hatte er zurückgelassen von seinen Ausflügen an Land.
Ständig sich erneuernd, unaufhörlich fließend, niemals der Selbe, doch stets der eine große Strom... Manches Geheimnis könnte er uns erzählen und, wer weiß, vielleicht könnten wir gar das Leben verstehen? So lasst uns Zeit nehmen zu lauschen und mit dem Herzen verstehen.

An den Ufern des großen Stromes erstreckte sich der große, dunkle Wald. Mächtig ragten seine Bäume in den Himmel und dicht war sein Unterholz. Die wenigen Lichtstrahlen, die es schafften das dichte Blattwerk zu durchdringen, tanzten einen geheimnisvollen Reigen mit den Schatten.

Das Herz des Waldes war der Teich, in dem der kleine Fisch und sein Schwarm lebten. Sie waren es gewöhnt, daß nur selten die Sonne ihr Spiel mit dem Wasser trieb. Nur für kurze Zeit ließ sie das Wasser in Gold und blau erstrahlen.

Die kleinen Fische liebten es, dicht am Boden zu schwimmen und die weiche lockere Erde aufzuwühlen, so daß das Wasser braun und trübe wurde. Sie verharrten gerne und lange im Schilf, denn dort fühlten sie sich geschützt und geborgen. Nur ab und an wagte es der kleine Fisch, Silberflosse, bis zur Wasseroberfläche zu schwimmen.
Immer wieder warnten ihn die Älteren, acht zu geben vor der Strömung, die ihn leicht erfassen könnte. So hielt er sich stets fest an schwimmenden Gräsern oder Hölzern. Aber sie konnten ihm nie lange Halt geben, denn sie trieben mit der Strömung, der er entgehen wollte.

Manchmal war der kleine Fisch fast versucht, einfach loszulassen und sich der Strömung hinzugeben. Sein Großvater kannte sein Herz und ermahnte ihn immer wieder. Aber Silberflosse war wie alle jungen Wesen, er wollte nicht einsehen, was er nicht verstand.

So erzählte der Alte ihm die Geschichte, die sein Großvater auch ihm erzählt hatte.

Vor langer Zeit, bevor die Fische die Gefahr der Strömung erkannt hatten, waren viele von ihnen von ihr ergriffen worden und einfach verschwunden. Niemand hatte sie jemals wieder gesehen! Es waren so viele, die verloren gingen, daß sie Angst hatten auszusterben. So lernten sie sehr achtsam zu werden und sich vor der Strömung zu hüten. Auch der kleine Fisch lernte es, doch blieb eine leise, fast schon vergessene Sehnsucht in ihm . Einfach sich dem Fließen der Strömung zu überlassen...

Eines Tages geschah etwas ungeheuerliches!
Ein fremder Fisch war in den Teich gekommen!
Welch eine Aufregung, welch ein Aufruhr! Wie groß er war und wie prächtig sein Schuppenkleid glänzte! Wo kam er her? Wie war er in den Teich gekommen?
Welch unglaubliche Geschichte er zu erzählen hatte! Wie sollte man so etwas glauben, wie es nicht glauben, war er doch offensichtlich hier!

Der fremde Fisch erzählte, er sei vom großen Strom gekommen. Durch einen schmalen Wasserlauf sei er bis zu ihrem Teich geschwommen. Niemand hatte je von dem großen Strom gehört.
Wie sollten sie so etwas glauben, war doch der Teich in dem sie lebten, die einzige Welt die sie kannten.
Als sei das nicht schon mehr als man sich vorstellen könne, behauptete der Fremde auch noch, man brauche sich nur der Strömung zu überlassen und könne so weit, ja unendlich weit reisen. Er beschwor sie, sich selbst nicht so zu begrenzen und sich dem freien Fließen anzuvertrauen.

Viele der jüngeren, kleinen Fische, hingen voller Spannung an den Lippen des Fremden. Alles wollten sie wissen über die Welt außerhalb ihres Teiches. Und der große, fremde Fisch erzählte.
Er sprach über die unendliche Weite des großen Stromes, ja, er behauptete sogar, sie könnten immerzu in eine Richtung schwimmen und würden doch niemals an ein Ende kommen! Er erzählte von Gegenden, wo das Wasser so klar war, daß man den ganzen Tag das gleißende Licht der Sonne bis auf den Grund sehen konnte und des nachts die kühle Scheibe des Mondes, zwischen dem Blinken der unendlichen Vielzahl der Sterne.

"Ihr könnt es mir glauben", sagte der Fremde, "es gibt Fische die sind fünfmal so groß wie ich und andere, die sind kleiner als eure linke Flosse. Manche sind so lang und so schmal, wie ein Blatt des Schilfgras. Es gibt einige, die schillern in vielen Farben und andere sind so durchsichtig, dass man jede Gräte sehen kann!"

Man kann sich denken, wie solche Reden unseren kleinen Schwarm durcheinander brachten! Die Meinungen gingen hin und her. Einige wollten sogar mit dem großen Fisch ziehen.

So kam es, dass der Älteste dem Zweitältesten sagte:" Noch heute abend will ich mich mit euch beraten." Der Zweitälteste sagte es dem Drittältesten, der gab es weiter an den Nächsten. So ging es immer weiter bis zum jüngsten kleinen Fisch. Nur dem Fremden, dem sagten sie es nicht.

Als alle versammelt waren, räusperte sich der Alte, wedelte ein paarmal mit seiner Schwanzflosse und sagte:" So kann es nicht weitergehen, die Reden des Fremden bringen Unfrieden und Streit unter uns. Sie verderben unsere Jugend und wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, werden Unglück und Leid über uns kommen."

"Aber," wagte der kleine Fisch zu widersprechen, " wenn es wahr ist, was der Fremde sagt..."

"Pappelapap", unterbrach ihn der Alte unwirsch.
Er war es nicht gewöhnt, dass man ihm widersprach.
"Wenn es wahr wäre, dann würde ich es schließlich wissen. Ich bin der Älteste und ich weiß alles! Es gab eine Zeit, da haben wir viele Gefährten verloren, weil wir noch nicht gelernt hatten uns der gefährlichen Strömung zu widersetzen. Niemand ist jemals zurückgekommen! Ist das nicht Beweis genug, dass sie gestorben sein müssen? Sie sind ganz gewiß in das Nichts abgetrieben und das bedeutet den sicheren Tod! Es gibt keine andere Welt, nur hier in unserem Teich sind wir sicher. Das war immer so und wird immer so sein. Wenn es nicht so wäre, würde ich es wissen, immerhin bin ich der Älteste und ich weiß alles."

Silberfisch öffnete gerade seinen Mund, um noch einmal zu widersprechen, als ihn der warnende Blick seines Großvaters traf. Dem Ältesten widersprach man nicht. Sein Wort war Gesetz.

Auch wenn der kleine Fisch nichts mehr sagen durfte, so hatte er doch bemerkt, daß der Alte einfach die Tatsache ignoriert hatte, dass ein Fremder in ihren Teich gekommen war und die Frage offen blieb, von wo er gekommen war.

"Der Fremde muss weg!" Als der kleine Fisch diese Worte hörte, entsetzte ihn das sehr. Er konnte sich denken, was sie bedeuteten, auch wenn sie nur kleine Fische waren, so konnten doch viele gemeinsam einen größeren Fisch töten.

So stahl er sich heimlich davon und schwamm geschwind zu dem Fremden. "Du mußt fort, sofort!" rief er seinem neuen Freund zu. "Sonst werden sie dich töten!"
"Komm mit mir! Du wirst es nicht bereuen," erwiderte der Fremde. " Ich möchte wohl, aber ich kann nicht," bedauerte der kleine Fisch. "Leb wohl, mein Freund!" rief ihm der Andere zu, ehe er verschwand.

So kehrte die alte Ordnung zurück in den Teich. Seine Bewohner wirbelten wie gewohnt eine Menge Staub auf, versteckten sich im Schilf und hüteten sich vor der Strömung.

Nur für Silberflosse war die Welt nicht mehr dieselbe. Er konnte die Worte des Fremden nicht vergessen. Immer wieder wagte er sich aus dem Schilf hervor, oder schwamm bis zur Wasseroberfläche.
Als er einmal wieder dicht unter der Wasseroberfläche schwamm, sich festhaltend an einem Stöckchen, geschah es fast wie von selbst. Er ließ einfach los! Ohne bewusste Absicht hatte er es geschehen lassen. Es war ganz einfach, den Widerstand aufzugeben und sich der Strömung zu überlassen. Nicht genug, daß er sich nicht mehr widersetzte, nein, mit ein paar kräftigen Schlägen seiner Flossen, schwamm er mit ihr in die selbe Richtung!

Nach einer Weile wurde es lichter um ihn. Der kleine Fisch bemerkte, dass er in flachem Wasser schwamm. Das erschreckte ihn ein wenig, war es doch eine neue Erfahrung für ihn. Doch es war auch erhebend, so licht und leicht. Steine waren in dem Bachbett und Pflanzen, die er nicht kannte. Schnell glitt er mit dem Fluß der Strömung dahin. Flink mußte er den Steinen ausweichen, um sich nicht an ihnen zu stoßen. Übermütig machte er durch einen kräftigen Schlag seiner Schwanzflosse einen Sprung. Mit einem sanften Platsch landete er wieder im Wasser.
War das ein Spaß, war das eine Freude!

Einige Stunden war der kleine Fisch so geschwommen, als er eine neue Überraschung erlebte. Der Bach mündete in den großen Strom. Welch eine Weite, welch eine Macht! Das mußte er seinem Schwarm erzählen! Wenn er zurückkam, mußten sie ihm glauben. Doch Silberflosse war so klein und die Strömung zu kräftig. Seine Kraft reichte nicht aus, um gegen sie zu schwimmen. Nun verstand er, warum keiner seiner Vorfahren zurückgekommen war.

Die erste Freude war dahin, denn nun wußte er, es gab kein zurück! Er war ohne Freund und ohne Bruder in der endlosen Weite des großen Stromes.

Doch bald entdeckte er, daß er nicht der einzige Schwimmer war. Vielen Arten begegnete er, großen und kleinen.

Plötzlich bemerkte Silberflosse, dass ein Fisch an seiner Seite schwamm, er sah aus wie seine Artgenossen, doch er war viel, viel größer. Der kleine Fisch faßte Vertrauen zu dem Großen und grüßte ihn freudig.

"Was bist du für ein Zwerg, ich wette, du kommst aus einem kleinen Teich. Übrigens, ich heiße Goldkieme und wie heißt du?" "Silberflosse," antwortete der kleine Fisch überrascht. "Sage mir, woher weißt du von meiner Herkunft?"

"Das ist nicht schwer zu erraten, meine Mutter hat es mir erzählt. Vor langer Zeit lebten unsere Vorfahren in einem kleinen Teich. Damals waren alle noch ganz klein. Doch dann kamen einige zum großen Strom. Weil sie nunmehr soviel Platz hatten, wurden sie schnell größer und größer."
"Werde ich jetzt auch größer?" fragte Silberflosse aufgeregt.
"Möglich, ich denke schon " antwortete Goldkieme.

Es kam wie Goldkieme gesagt hatte, Silberflosse wurde größer und größer. Nach ein paar Jahren war er so groß wie Goldkieme.

Ach, war es herrlich , Seite an Seite mit Goldkieme in der unermeßlichen Weite des Stromes zu schwimmen. Immer wieder gab es Neues zu entdecken.

Eines Tages erreichte Silberflosse die Stelle, an der der große Strom sich in liebevoller Vereinigung ins Meer ergießt.
Silberflosse hatte sich schon vor langer Zeit dem großen Strom ergeben und er kämpfte auch dieses Mal nicht dagegen an.

Als ihn das Salzwasser umhüllte, hieß es noch einmal loszulassen. Leicht und mühelos verliess er seinen Körper.

Doch im selben Augenblick erwachte er in einem neuen, noch größeren Körper. Dieses Mal erfüllte es ihn nicht mit Erstaunen, es war, als hätte er es immer gewußt. Er war nicht nur in einem neuen Körper, sondern auch in ein neues Bewußtsein erwacht.

Er wusste, dass er ein Delphin war, ja mehr noch, er erlebte sich selbst in allen Delphinen gleichzeitig. Er war sich selbst des kleinsten, sowie des größten Fisches bewusst. Er kannte die Krebse, Vögel und Menschen. Kein Geschöpf dieser Erde war ihm fremd, kein Strauch, kein Baum und keine Blume. Er war eins mit der ganzen Schöpfung und dem lebendigen Geist darin. Sterben und geboren werden, waren Eins im endlosen Reigen von Werden und Vergehen.

Sein Herz war reine Liebe und Mitgefühl für jedes Wesen in der Schöpfung. Er wußte um ihr Leid und um ihre Freude, alles hatte seinen Platz und fügte sich vollkommen ineinander. Er verstand, daß immer wieder große Fische zu den kleinen kommen werden, um ihnen den Weg in die Freiheit zu zeigen, bis auch der letzte der kleinen Fische sich befreit hatte!
© Copyright by Angelika Myriel di Bernardo