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Angelika di Bernardo
Lichtpunkt Healing Art
27801 Dötlingen
Tel.: 04433 - 968939
angel@Lichtpunkt-Healing-Art.de

Die Quelle

Von Angelika Myriel di Bernardo

Dort wo Cosima lebte, wurden die Menschen nicht geboren wie bei uns und sie kannten keinen Tod. Alles Leben an diesem Ort entsprang der Quelle. Menschen und Tiere, Pflanzen und Mineralien, sie alle waren gleichermaßen erschaffen von der Quelle und wurden durch sie ernährt und erhalten. Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, seine Brüder und Schwestern aus dem Tier- oder Pflanzenreich zu essen oder zu töten oder seinen menschlichen Brüdern und Schwestern ein Leid anzutun. Das wäre so gewesen, als täte man sich selbst weh, denn in ihnen allen floß der eine Geist der Quelle und so fühlten sie sich alle miteinander verbunden und wußten umeinander.

Stell dir vor, deine Brüder und Schwestern, Eltern und Nachbarn wüßten jeden deiner Gedanken und Taten. Ein schrecklicher Gedanke? Nun für Cosima war es so und ganz und gar nicht schrecklich. Denn sie alle liebten einander und taten oder dachten niemals etwas Böses. Im Gegenteil, jeder war um den anderen bemüht, daß es ihm gut gehe und wenn jemand Hilfe brauchte, so war stets die bestmögliche Hilfe zur Stelle. Auch Mensch und Tier halfen einander und teilten ihr Wissen.

Du sagst, es klingt als lebe Cosima im Paradies? Oh ja, genauso muß es gewesen sein! Cosima war glücklich in ihrer Welt, jung und unbeschwert.

Eines Tages erfuhr sie, dass ihre Welt nicht die einzige Welt war, dass einige Ältere manchmal in diese andere Welt reisten. Nun war Cosima wirklich neugierig geworden. Sie wollte unbedingt herausfinden, was für eine Welt dies war.

So lief sie zu Pearce, einem der Älteren, und bat ihn sie mitzunehmen auf seine Reise in die andere Welt. Doch Pearce nahm sie in seine Arme und sprach: "Kleine Cosima, diese Welt würde dir nicht gefallen. Andere Gesetze als die unseren herrschen in ihr. Wenn du älter bist, mein Liebes, und immer noch den Wunsch hast, die andere Welt kennen zu lernen, werde ich dich ihre Gesetze lehren und dich mitnehmen. Aber nun vergiß es!"

Doch Cosima konnte die andere Welt nicht vergessen. Zwar vertraute sie Pearce bedingungslos, aber sie kannte nur Schönheit, Liebe, Frieden und Freude.

So kam es, daß sie Pearce` Rat mißachtete und sich trotz seiner Warnung auf den Weg in die andere Welt machte. Dies konnte in ihrer Welt nicht verborgen bleiben, aber da jeder den freien Willen des Anderen unangetastet respektierte, ließ man sie gehen.

Der Durchgang zur anderen Welt war ein großes Tor im Osten. Cosima wußte es, weil die Wesen es wußten, die dieses Tor benutzten. Wissen war in ihrer Welt erreichbar für jeden, der wissen wollte. Man mußte nur die richtigen Fragen stellen.

Als sie das Tor öffnete, wurde ihr doch ein wenig unbehaglich zumute, denn alles was sie sah, war Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die ihr fremd war, denn in ihrem Leben gab es diese Dunkelheit bisher nicht. Doch da Angst und Gefahr nicht zu ihrem Leben gehörten, siegte schließlich ihre Neugier über ihr Unbehagen und sie trat durch das Tor. Sie fiel. Sie fiel und fiel durch einen dunklen Schacht. Sie hatte kein Gefühl für Zeit und Raum, selbst der Fall schien unwirklich in diesem dunklen Nichts. Sie hatte das Gefühl, sich immer mehr zusammen zu ziehen, dann verlor sie das Bewusstsein.

Als sie erwachte, lag sie in einer Scheune auf Stroh. Die Kälte kroch ihr in die Glieder, und das erste Mal in ihrem Leben fror sie. Draußen fegte der Wind um die Scheune und der Regen peitschte gegen die Bretterwand. Cosima trug nur ein leichtes Gewand, denn da wo sie herkam, brauchte man sich nicht gegen Kälte zu schützen.

Sie setzte sich auf und überlegte, was zu tun sei. Nun, ihr war kalt und das war nicht angenehm, es schien auch nicht verlockend, bei diesem Wetter die Scheune zu verlassen.

Am Besten, sie fragte jemanden um Rat. Sie schickte in ihrem Geist einen Ruf in die Welt nach Rat und Beistand. Doch merkwürdigerweise fühlte sie keine Antwort. Cosima konnte es nicht fassen und so erlebte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit. Und zum ersten Mal empfand sie Furcht. Es war grauenvoll, hier saß sie, verlassen in einer fremden Welt, allein in der Kälte und einem neuen Gefühl der Leere im Magen. Am Besten, sie ging gleich zurück in ihre Welt des Lichtes und der Wärme! Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie wußte den Weg nicht, sie fand den Durchgang nicht! Sie konnte nicht zurück!
Das war zuviel, zu entsetzlich!
Cosima fiel in sich zusammen und weinte bitterlich. Sie weinte und weinte, bis schließlich eine piepsige Stimme sagte: "Das Weinen hilft dir auch nicht weiter."

Cosima hob ihren Kopf und sah mit tränenverschleiertem Blick eine kleine Maus, die sich putzte. Da hüpfte ihr Herz vor Freude, ein lebendiges Wesen zu sehen, und sie fragte. "Und was meinst du hilft mir weiter?"

"Du mußt dir was zu fressen suchen, was denn sonst." Antwortete die Maus. Cosima verstand nicht, was die Maus meinte und fragte sie danach. "Ist denn das zu fassen," die Maus schüttelte den Kopf. "Sie versteht nicht, was ich meine! Ich kann es nicht glauben, was ich da höre, ich kann es nicht fassen, sie versteht nicht was ich meine. Hör zu Mädchen, ich mag dich leiden, aber wenn du dich über mich lustig machst, dann gehe ich und rede nicht mehr mit dir." Da rief Cosima schnell: "Oh nein, bitte bleib, ich will es dir erklären."

Und sie erzählte der kleinen Maus von der Quelle und wie sie hierher gekommen war.

Die Maus schüttelte immer wieder den Kopf, putzte mit ihren kleinen Vorderfüßchen ihr Mäulchen, piepste und schnüffelte erschrocken und meinte schließlich: "Trotzdem, du mußt dir was zu fressen suchen, mit leerem Magen kommst du nicht weiter. Hier in meiner Welt," erklärte sie, "ist das Wichtigste, daß man immer genug zu fressen hat. Denn all die kleinen Kinderchen müssen ernährt werden. Man muß eine trockene, warme Höhle graben mit mehreren Kammern und Gängen. Für den Winter müssen Vorräte angelegt werden, damit die Familie überleben kann. Dabei muß man immer gut aufpassen, damit man selbst nicht gefressen wird, denn zahlreich sind die Feinde, die einen für einen feinen Leckerbissen halten. Auch muß man mächtig auf der Hut sein, um nicht in eine Falle zu tappen." Jaja, so sieht eine kleine Maus ihre Welt.

Cosima verstand nicht wirklich, was die Worte der kleinen Maus bedeuteten, aber als der Regen etwas nachließ, folgte sie ihr nach draußen.

Die kleine Maus führte sie schnurstracks in den Garten des Bauern, dem die Scheune gehörte. Sie deutete auf einen Apfelbaum und sagte: "Die Äpfel dort, die werden dir schmecken. Nun geh schon und probier sie."

Das Mädchen folgte der Aufforderung und pflückte sich einen Apfel. Es biß herzhaft hinein und siehe da, er schmeckte ihm. Und nicht nur das, auch das leere Gefühl in seinem Magen war verschwunden, nachdem es den Apfel gegessen hatte.

Aber noch etwas war geschehen, ohne das Cosima es bemerkt hätte. Die Erinnerung an ihre Heimat, an ihre Quelle war unmerklich ein wenig verblaßt.

"Ich muß jetzt gehen," piepste die kleine Maus. "Viel Glück!" "Auf Wiedersehen und vielen Dank," rief Cosima der kleinen Maus hinterher, aber die war schon verschwunden.

Da wurde Cosima wieder bewusst, wie kalt es war und sie bedauerte, daß sie nun wieder alleine war. Aber dennoch hatte die Begegnung mit der kleinen Maus sie wieder Mut fassen lassen, wußte sie doch nun, daß es Lebewesen in dieser Welt gab. So schritt sie entschlossen auf das Haus zu, das sie hinter den Büschen und Bäumen hervor schauen sah.

Als sie sich dem Haus näherte, bellte ein Hund. Er zog und zerrte an einer Kette und machte einen Riesenradau. "Guten Tag," grüßte Cosima und nannte ihren Namen. "Und wie heißt du?" Völlig verdutzt verstummte der Hund. "Rex", antwortete er schließlich, " wieso sprichst du meine Sprache?" "Was für eine Frage, jeder versteht den Anderen. Oder nicht?" Cosima war verunsichert, hier in dieser Welt war ja alles anders.

"Ich komme von weit her, und bei uns ist das normal," fügte sie hinzu. "Aber sage mir, warum bist du festgebunden, läufst du nicht gerne frei herum?"

"Ich muß auf das Haus aufpassen und auf Tiere, Menschen und alles was hier ist, antwortete Rex, nicht ohne Stolz. Aber mit ein wenig Trauer in der Stimme fuhr er fort: "Ich darf nicht frei herumlaufen, mein Herr will das nicht."

"Was hat denn der Hund zu bellen?" rief eine Frauenstimme vom Haus her. Cosima drehte sich um und sah eine Frau in der Türe stehen.

"Guten Tag," sagte sie, und artig nannte sie ihren Namen.

"Was willst du?" fragte die Frau.

Das Mädchen wußte nicht recht, was es antworten sollte, aber dann erinnerte es sich an die Worte der kleinen Maus und erwiderte: "Ich möchte was zu essen suchen."
Die Frau schüttelte den Kopf und schaute Cosima lange und prüfend an. Sie sieht nicht aus wie eine herumstreunende Bettlerin, auch nicht wie eine Diebin, dachte sie.
Schließlich sprach sie: "Wer essen will, muß arbeiten. Komm mit." Und sie winkte Cosima heran.

Die Bäuerin führte das Mädchen in die Küche, hieß sie sich zu setzen und drückte ihr eine große Schüssel in die Hand, randvoll gefüllt mit Kartoffeln." Wenn du die geschält hast, dann darfst du mit uns essen," versprach sie.

Während die Bäuerin in der Küche hantierte, stellte sie dem Kind ganz nebenbei ein paar Fragen. Woher es komme, wohin es wolle und dergleichen mehr. Die Antworten, die sie von ihr bekam, führten sie zu der Überzeugung, dass Cosima ein armes, anständiges Mädchen war, ohne Heim, ohne Eltern, ohne Arbeit, ohne Ziel, dass sie sich irgendwie durchs Leben schlug und wie durch ein Wunder überlebt hatte. Nun, da brauchte man sich nicht zu wundern, wenn sie geistig etwas verwirrt war.

So kam es, dass sie ihren Mann beiseite nahm und ihm mitteilte, dass Cosima von nun an bei ihnen wohne und für Speise und Trank für sie arbeiten werde. Der Mann war es zufrieden und sie gaben Cosima eine kleine Kammer mit einem Bett und einer Kommode darin. Auch gaben sie ihr warme Kleider.

Von nun an lebte das Mädchen bei Ralf und Herta, so hießen die Bauersleute, aß, was ihm vorgesetzt wurde und tat, was von ihm verlangt wurde. Zu Anfang wurde ihm manches Mal übel von dem Essen, ganz besonders von dem, was die Leute Fleisch nannten. Es wußte nicht was es war und fragte nicht danach. Nie und nimmer wäre es auf den Gedanken gekommen, daß es Teile der Tiere waren, die es so liebevoll versorgte. Auch merkte es nicht, daß es immer mehr seine Herkunft vergaß und eines Tages die Sprache der Tiere nicht mehr verstand. Es verstand nicht mehr, was sie sagten, aber es liebte sie nach wie vor und fühlte wie es ihnen ging, was sie mochten oder nicht wollten.

Cosima liebte es lange Spaziergänge mit Rex zu unternehmen und erzählte ihm alle ihre Gedanken. Auch wenn sie seine Sprache nicht mehr verstand, fühlte sie sich doch von ihm verstanden.

Mit der Zeit hatten Ralf und Herta sie richtig ins Herz geschlossen, fast wie ein eigenes Kind. Sie mochten sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen, das wäre so gewesen, als wenn plötzlich die Sonne vom Himmel verschwunden wäre.

Doch es kam der Tag, da geschah etwas so Schreckliches, durch das alles anders wurde. Schon am frühen Morgen, als Cosima erwachte, spürte sie eine Unruhe. Sie spürte diese Unruhe noch intensiver, als sie in den Stall kam, um die Schweine zu versorgen. Es fühlte sich an, als griff etwas Kaltes in ihr Herz. Um neun Uhr fuhr ein großer Wagen vor und Ralf und ein fremder Mann trieben die Schweine aus dem Stall und zwangen sie auf den Wagen zu klettern. In höchster Angst und Panik schrien und quiekten die Schweine und versuchten verzweifelt zu entkommen. Doch das war gänzlich aussichtslos. Unerbittlich vereitelten Ralf und der Fremde jeden Fluchtversuch.

Cosima stand im ersten Moment wie erstarrt, nicht begreifend, was da geschah. Doch dann warf sie sich weinend Ralf entgegen: "Nicht", schrie sie verzweifelt. "Nicht, was tut ihr denn da! Hört auf, so hört doch auf damit!"

Doch Ralf wehrte sie ab. "Nein Cosima, so geh doch aus dem Weg. Herta, komm nimm das Kind zu dir! Sie dreht ja völlig durch."

Herta kam und nahm Cosima mit sich. Sie legte ihren Arm um die Schultern des Mädchens. "Sch.... Sch.... Sch.... ist ja gut, ist ja gut," tröstete sie das zitternde, weinende Kind. "Was ist denn mit dir? Was ist denn? Ist ja gut."

Doch Cosima ließ sich nicht beruhigen. Sie verstand nur, dass die Tiere furchtbare Angst hatten, und dass Ralf, dem sie vertraut hatte, ihnen Gewalt antat.

"Aber Kind," sprach Herta beruhigend, "so versteh doch, wir müssen das tun, wir leben von der Schweinezucht."

Doch Cosima verstand gar nichts, und Herta erklärte es ihr. Dass sie die Schweine schlachten ließen, dass sie das Fleisch verkaufen würden und dass viele Menschen, wie auch sie selbst das Fleisch essen würden. Dass es sie ernährte, wie es sie immer ernährt hatte.

Ja, nun verstand Cosima, sie verstand nur zu gut, und es erfüllte sie mit Grauen und mit Ekel. Sie ekelte sich vor sich selbst, weil sie das Fleisch gegessen hatte.

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, bat sie Herta, sie alleine zu lassen. Sie flüchtete sich zu Rex und nahm ihn mit in den Wald. Dort setzte sie sich unter einen Baum und weinte in Rex Fell. Sie streichelte ihn und erzählte ihm ihren Kummer. Sie wusste nicht weiter. Sie konnte nicht hinnehmen was geschehen war, sie konnte es nicht akzeptieren.

Als es Abend wurde, wußte sie, was sie zu tun hatte. Sie ging nicht mehr zurück. Sie ging in die andere Richtung und sie nahm Rex mit. Sie lief die ganze Nacht.

Mit dem Licht des frühen Morgens erreichte sie den Randbezirk einer Stadt. Sie war müde und erschöpft, doch sie stolperte vorwärts wie in Trance. Sie hatte kein Ziel, nur weiter wollte sie, immer weiter. Sie fühlte sich leer und doch voller Kummer. Etwas in ihr wußte, dass es irgendwo Licht, Liebe und Wärme gab. Etwas in ihr schrie danach, nach Hause zu kommen, wo es diese Schmerzen nicht gab. Nach Hause? Welches Zuhause? Hatte sie je ein Zuhause gehabt? Wo war ihr Zuhause?

Irgendwann setzte sie sich einfach nieder. Sie schlief sofort ein.

So fand sie Bepe.

Bepe war ein braver Mann. Seit zwanzig Jahren führte er mit seiner Frau Carla eine kleine Gaststätte am Rande der Stadt. Sie bauten Gemüse in einem kleinen Garten hinter dem Haus an, und Carlas Gemüsepfannen wurden sehr gerühmt unter den Reisenden, die bei ihnen einkehrten.

Wie staunte Bepe als er am Morgen seine Geschäftstür öffnete, um die frische, klare Morgenluft hereinzulassen und ein schlafendes Mädchen, auf seiner Schwelle sitzend, fand.

"Na sowas, na sowas", stammelte er. Der Hund, der seinen Kopf auf dem Schoß des Mädchens ruhen hatte, schaute Bepe wachsam an. Bepe schüttelte den Kopf und kratzte sich den Nacken. Das tat er immer, wenn er ratlos war und nachdachte. Noch nie hatte er ein so schönes Mädchen gesehen.

Doch wie ich schon sagte, Bepe war ein braver Mann, und so tat er, was er tun mußte. Behutsam nahm er Cosima hoch und trug sie ins Haus. Er legte sie auf das Sofa, deckte sie mit einer Decke zu und erlaubte Rex sich davor zu legen.

Bepe und Carla nahmen die beiden bei sich auf, und die kleine Gaststätte lief noch besser als vorher. Jeder ließ sich gerne von Cosima bedienen und lobte das Essen über alle Maßen. Und weil Cosima in der Küche oft sang, kam es immer häufiger vor, daß ein Gast sie bat, für ihn zu singen. Das gefiel Bepe, er kaufte ein Textbuch und ein Klavier und stellte einen Pianisten ein.

Nun kamen immer mehr Leute, die Cosimas Stimme lauschen wollten, und Bepe erhöhte die Preise, ohne dass es jemand beanstandet hätte. Ja, er musste sogar das Haus vergrößern und einen Raum anbauen, um all die Menschen aufnehmen zu können, die kamen, um Cosima zu hören.

Eines Morgens kam Cosima ganz früh in das Lokal, um ihren Schal zu holen, den sie am Abend vergessen hatte. Sie stieß mit dem Fuß gegen etwas Hartes und schaute nach, was es war. Ihr Herz setzte einen Herzschlag lang aus, um danach um so schneller zu schlagen. Vor ihr auf dem Fußboden lag eine kleine Maus, eingeklemmt in einer Falle. Ihr Körper war leblos. Tot.

Etwas in Cosima regte sich. Es war wie eine Erinnerung, wie ein Ruf. Sie bückte sich, befreite den kleinen Körper aus der Falle, hüllte ihn in ein Tuch und legte ihn in eine kleine Schachtel.
Sie trug ihn hinaus in den Garten und begrub ihn unter dem schönsten Rosenbusch. Ihre Tränen fielen auf das Grab und die Erinnerung ohne Namen ließ sie nicht los. Sie wußte nicht was da in ihr anklang, aber es erfüllte sie mit unermeßlicher Trauer und auch mit Sehnsucht. Was war da geschehen? Sie begriff, daß dieser leblose Körper nicht die Maus war, dass etwas fehlte, was diesen Körper zu einem lebendigen Wesen machte. Was war es und wo war es hingegangen? Und an was erinnerte sie nur dieser kleine tote Körper der Maus, und was war das für ein Sehnen und Ziehen in ihr?

Doch das Leben ging weiter, und es gab viel zu tun, so dass Cosima nicht viel Zeit zum Grübeln blieb.

Eines Tages fuhr ein großer Wagen vor, ein Mann stieg aus und betrat Bepes Lokal. Man sah gleich, dass er kein gewöhnlicher Gast war. Er ging direkt zu Bepe und verhandelte lange mit ihm. Dann schüttelten sie sich die Hände und ein dicker Batzen Geldscheine wechselte den Besitzer.

Als der Mann wieder fort war, rief Bepe Cosima zu sich und erklärte ihr, dass sie nun ihr Glück mache. Nein, Bepe wolle ihrem Glück nicht im Wege stehen und deshalb habe er sie frei gegeben, um für diesen Mann zu singen. Er habe ein großes Theater in der Stadt und nur die Besten dürften bei ihm auftreten. Sie würde nun bestimmt berühmt werden und viel Geld verdienen. Am Ersten des nächsten Monats bringe er sie in die Stadt, wo sie dann auch wohnen werde. Aber sie könne natürlich jederzeit zu Besuch kommen und auch er und Carla würden sie bestimmt besuchen. Doch er fragte nicht, ob es Cosima auch gefalle. Nein, nein es war eine beschlossene Sache.

Und so geschah es.
Oh ja, Cosima wurde berühmt, denn ihre Zuhörer liebten sie. Sie liebten den reinen Klang ihrer Stimme und sie waren hingerissen von ihrer Schönheit. Jeden Tag bekam sie Rosen und herrliche Blumenbouquets. Sie wurde von den vornehmsten Leuten der Stadt eingeladen. Ja, die Leute brüsteten sich sogar damit, sie persönlich zu kennen. Viele Männer waren in sie unsterblich verliebt, doch die wenigsten wagten es, sich ihr zu nähern. Die Menschen nannten sie eine Göttin.

Doch merkwürdigerweise wurde Cosima immer trauriger, und sie fühlte sich immer einsamer. Sie hatte keine Zeit mehr mit Rex spazieren zu gehen, und sie merkte kaum, dass auch er immer trauriger und einsamer wurde, obwohl sie doch Bedienstete hatte, die ihn versorgten. Ihr fehlte die Zeit sich richtig um ihn zu kümmern, als er immer älter wurde und schließlich von seinem Lager nicht mehr aufstehen wollte. Eines Morgens war er tot. Er war in der Nacht ganz still gestorben.

Als Cosima ihn fand, war es ein furchtbarer Schock. Es war, als stürze sie aus schwindelnder Höhe ab. Alles was Bedeutung gehabt hatte, war null und nichtig geworden, jetzt, da es Rex nicht mehr gab. Sie hatte ihren besten Freund verloren. Niemals war ihr in den Sinn gekommen, daß Rex sie verlassen könnte. Er gehörte zu ihr, er war immer bei ihr gewesen, so lange sie zurück denken konnte.

Lange saß sie, Rex` Kopf auf ihrem Schoß gebettet, weinend ihn haltend.
Irgendwann stand sie auf und bettete Rex behutsam und sehr zärtlich in ihre Bettdecke. Sie trug ihn zu ihrem Wagen und verließ mit ihm die Stadt.

Sie fuhr ein ganzes Stück, bis sie eine Stelle fand, die ihr gefiel. Das Land war sanft geschwungen in Hügeln und saftigen Wiesen, durchbrochen von größeren und kleineren Wäldern.

Sie nahm Rex auf den Arm und lief. Sie wußte nicht, was sie suchte und sie dachte auch nicht darüber nach. Aber etwas in ihr trieb sie vorwärts, ganz so, als wisse ihr Körper, was ihrem Geist verborgen war.

Der leblose Körper war schwer und immer wieder mußte sie rasten, um sich auszuruhen.

Nach drei Stunden kam sie an eine Quelle. Sie lag mitten im Wald und entsprang der höchsten Stelle eines Hügels. Hier legte sie Rex ab. Sie war angekommen. Sie fand einen kräftigen abgebrochenen Ast und grub Rex` Grab. Es war mühsam, und sie wußte nicht, wie lange sie schon grub. Sie tat alles, ohne zu denken, ohne zu hinterfragen, so, als müsse es so sein.

Als sie tief genug gegraben hatte, legte sie Rex hinein. Sie pflückte blaue und weiße Blumen deren Namen sie nicht kannte und gab sie mit ins Grab. Dann deckte sie das Grab mit Erde zu. Mit jeder Hand Erde, die sie auf den Hund warf, war es ihr, als werfe sie etwas von sich selbst hinein. Danach grub sie einen Strauch mit rosa Blüten aus und setzte ihn auf Rex` letztes Ruhebett. Als alles getan war, saß sie still.

Die Tränen liefen lautlos über ihre Wangen, ohne daß sie es bemerkte.

Auf einmal war ihr, als umhülle sie ein Licht, so warm, so weich, so sanft, so liebevoll. Das Licht breitete sich aus und umhüllte auch das Grab und plötzlich fühlte sie sich nicht mehr allein und aus ihrem Herzen erhob sich ein Lied. Es war ein Lied der Liebe, des Abschieds und der Trauer und des Schmerzes darum. Und doch klang so unendlich viel Liebe darin und Sehnsucht und Zuversicht, ja und sogar Freude floß mit hinein. Alles was Cosima fühlte strömte in dieses Lied.

Sogar die Vögel verstummten vor ihrem Gesang. Sie sang vom Licht, von einer Quelle und von einem Ort, wo alle Wesen in Liebe miteinander verbunden sind. Irgendwie wußte sie, so oder ähnlich würde sie ihren Freund eines Tages wiedersehen. In ihrem Innern hatte sich etwas erinnert. Es war wie eine Verheißung.

Als sie in die Stadt zurück kam, war sie nicht mehr dieselbe. Sie ging nicht mehr auf die Partys anderer Leute und sie sang nicht mehr deren Lieder. Sie sang nur noch ihre eigenen Lieder, die unaufhörlich aus ihrem Inneren sprudelten. Die Menschen weinten, wenn Cosima von Trauer und Schmerz sang und ihre Augen glänzten und ihr Herz war voller Hoffnung, wenn ihr Lied von Licht und Liebe kündete.

Irgendwann nach vielen, vielen Jahren, nachdem sie einen Mann geliebt und ein Kind geboren und wieder verloren hatte, ging sie durch einen langen, dunklen Tunnel. Doch am Ende dieses Tunnels war ein helles, strahlendes Licht. Und mit jedem Schritt dorthin wurde sie leichter und froher. War da nicht in diesem Licht eine Gestalt und ein Hund und eine Maus?

Da erkannte sie Pearce, der ihr lächelnd entgegen kam - und jauchzend warf sie sich in seine Arme. Endlich, endlich war sie wieder nach Hause gekommen!
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